für internationale Buch- und Schriftkunst

Sammlung > Buchkunst
verso: recto
oder
heilige kühe und goldene bullen,
der buchkunst zur seite
buch: zeit
in der berliner gemäldegalerie findet sich ein kleines spanisches ölbild
aus dem 17. Jahrhundert, das bücher zeigt; ein stundenglas, weiter
nichts. die seiten der codices weisen markante charakteristische
benutzungsspuren auf, die ränder abgegriffen und wellig. buch-kunst? was
immer das ins bild gemalte buch an lesenswertem speichern mag, dem zahn
der zeit kann es sich, auf diese alt und älter werdenden seiten
geschrieben, nicht verschliessen. dem die vanitas interpretierenden
Maler war das ein vollauf ausreichendes motiv. als barockmensch für ein
schwellendes dickleibiges und gewichtiges sujet aufgeschlossen, macht er
selbst dem nicht-leser an der zerfledderten schwarte klar: was immer sie
codifiziert enthält, wird darauf setzen müssen, transskribiert zu
werden, soll es langfristig zugänglich bleiben...
.
buch: macht
unabweisbar erhob das buch einen kapitalen anspruch. umspannte jedwedes
zwischen deckeln, auf denen das A und das O prangen. unübersehbar
handelte es allzeit von allem. so omnipotent trat es auf, dass es von I
bis X den verhaltens-codex deklarierte, dass in ihm der prophet alles
und aller leben vorgeschrieben hatte, der weltenrichter es als insignie
zur scheidung gebenedeiter und verdammter bemühte, dass schwurhände auf
und über ihm wahrheit und treue aufriefen. machtvoll barg und
signalisierte es gegebenheit, gültigkeit und überprüfbarkeit von
religiösen und antireligiösen manifesten mit der absicht,
menschengemeinschaften zu optimieren.
mal war der verfasser ein einzelner, der vom ganzen des jenseits
handelte - dante, die comedia; dann war es die vielzahl der wissenden,
die das wissen des diesseits anhäufte - diderot und die enzyklopädisten.
dazwischen blättert sich das spektrum alles möglichen auf.
das buch als medium und sein verfasser als mediator - der apokalyptiker,
einer, dem himmlisch geheißen wird, die prognose des endes
aufzuschreiben.
radikal setzt das jener ottonische Elfenbeischnitzer ins bild, der dem
promotor des frühen christentums gregor bei der abfassung seiner
sentenzen die geisttaube auf die schulter setzt. vom priesterflüsterer
inspiriert, agiert der schreiber als besessener.

buch: ballast
bücher verfertigen, das wird aus dem vorbemerkten klar, steht in der
traditon des zeitlichen, der historie und der kultur an sich, dient der
verfassung gewichtigster bekundungen, und ist allemal ganz und gar - vom
einband bis zum beschreibstoff - eine sache, die mit haut und haaren
geschaffen sein will. mit dieser hypothek unterwegs, neigen büchermacher
zur überzeugungstat, und die kann zur marginalie geraten: wenn das buch
im bewusstsein seiner herkunft und kultur entsprechend retrospektive
gediegenheit atmet. wenn es marktgerecht populistischen sentenzen
ausgeliefert und diese über einen billig-container hinaus keine weitere
formgebung verdienen würden. oder aber wenn es im gegenteil wenig, gar
nichts sagend, zur tafelzier des coffeetables degeneriert. buch an sich,
bei aller genannter verbindlichkeit - noch lange kein wert.

buch: können
macht dieser vorspann im besonderen sinn, wenn von buch-machern im
kontakthof "kunst" unserer tage die rede ist? vielleicht deshalb, weil
sie tatsächlich in einer spezifischen art und weise ihr engagement
verbuchen, die sie von ihren vorgängern wenigstens ein stück weit
absetzt. die hier versammelten, haben in zugespitztem maße den
facettenreichtum des buches vor augen. sie loten den spielraum aus, den
das buch als gestaltbares objekt, als äußerungsform, aber eben auch als
katalysator von macharten, von techniken und materialien, von
atmosphären eröffnet. sie agieren künstlerisch, handwerklich,
planerisch, schriftstellerisch, schriftbildnerisch, sie sind autark,
kooperativ oder auch beides, sie sind exponenten der konzentration, die
zu einer dezidierten seitenweisen behauptung ihnen eigener anliegen, und
darüber hinaus ihrerselbst, führt. literarisches, linguistisches,
poetisches, schriftsinnliches, sinnbildnerisches,
kommunikationsdiskursives,...im buch einzulagern und zu vergären sind
einige aspekte des tuns derer, von denen hier gesprochen und im
folgenden dieses buches zu sehen ist. von deutscher machart kündet dabei
- wie eh und jeh - latentes beharren auf aussage. die speist sich aus
dem weiten feld von literaratur, politik, onthologie u.a. und erfährt
die jeweilige prägung des sie verbuchenden. alles materialisieren und in
form bringen wird diesem leitmotiv unterstellt. mag es auch gut
(gesetzt) und schön (gebunden) erscheinen, das buch des buchkünstlers
deutscher provenienz spricht vorrangig vom immer neu zu artikulierenden
wahren.

buch: wirkung
zwei merkmale, die ihrer wirkkraft zugute kommt sind diesen energien
hinzuzufügen: interaktion und vernetzung. buchkünstlerinnen und
-künstler üben sich regelmäßig im wechselverkehr. wenn sie nicht
ausschliesslich buchbezogen arbeiten, dann sind sie anderweitig insofern
aktiv, als dies ihr buchoeuvre komplementär und im fruchtbaren dialog
anreichert. wer von ihnen malt, malt um sein buchschaffen, auf der
anderen ebene des einzelblatts mit fermaten versehen, überprüfen zu
können. wer von ihnen im raum installiert, erweitert den codex, um den
so gewonnenen spielraum als voraussetzung der seitenweisen konzentration
auszuschöpfen. wer im graficdesign geld verdient, vernetzt seine
argumentationen der schrift-wort ligationen, die er im künstlerbuch
absetzt. wer verlegerisch am markt ist, übt das abgleichen der
potentiale diverser disziplinen, die im buch zur mehrschichtig
ein-drucksvollen aussage verschmelzen können. wer übersetzt, exploriert
seinen wortschatz als vorgabe feiner verästelter bezeichnungen im
grafischen. mit diesem procedere des haupt- und nebenwege beschreitens,
wobei aber nicht im klassischen sinne, die nebenwege parallel
verbleiben, sondern unweigerlich früher oder später wieder dem hauptweg
zufließen, erwächst das vegetative system, das wir mittlerweile am
häufigsten "buchkunst" benannt hören. hartmut honzera half dem begriff
zu vertiefung, als er 1989 die "buchkunst der achtziger jahre" zum
schlagwort machte, und bei aufführung von - auch hier weiterhin
versammelter - protagonisten im profil ausmachen konnte. dem ist nur
soviel hinzuzufügen, dass die wiedervereinigung dieses profil um
markante konturen bereichert wahrnehmbar gemacht hat. uwe warnke gab
dafür im katalog der sechsten triennale zeitgenössisches kunsthandwerk
1994 heute noch aktuelle hinweise. in der kleinen rückschau wird die
treibende kraft deutlich, die buchkunst für sich beanspruchen kann, hat
sie doch einschneidende gesellschaftliche entwicklungen der jüngsten
vergangenheit spannungsreich im voraus vollzogen und zugleich subversiv
hintergangen. vieles von den errungenschaften des pluralismus,
regionalismus, dem ausbau flacher hierarchien, der interaktivität, der
verzweigtheit von kommunikation, hat sie ihrer vielseitigkeit als prolog
vorangesetzt und zugleich als potential kritischen entzugs aktiviert.
vielfalt der vielen - am lebendigsten auf der frankfurter buchmesse
fokussiert - hat sich dabei als gütezeichen ausgeprägt. und: sie
kommuniziert seit langem schon die dimension europa, und vielfach
darüber hinaus.

buchkunst: face to face
viele derer, die die buchkunst der 80er und 90er jahre prägen, sind mit
den erfahrungen der kommune erwachsen geworden und haben gemeinschaft
ähnlich gesinnter zum alternativen verwandtsein ausgelebt. selbst
einzelgängertum - das natürlich auch unter buchkünstlern vorkommt -
behält sich das bewusstsein einer zusammengehörigkeit im geiste vor.
einem geiste, der umsichtiges, aber auch zögerlich sich umschauendes
abtasten des soziokulturellen zustands mit vorsichtigem zusammenfließen
des eigenen und des anderen selbst kombiniert. dieser insofern
syntaktische geist hat sich in die buchkunst eingeschrieben, sorgt für
ein konstruktiv kompetitives kollektiv, das ohne scheuklappen und
verdrängungswettbewerb auskommt. die bücher, die entstehen, zeugen nicht
wie die klassischen pressendrucke von der formalen überhöhung
literarischer texte, sondern von einer ineinandersetzung der wortvorgabe
und der bildnerischen invention aus unabhängiger selbstverantWortung.
mehrere gleichrangig operierende, die das elaborat kongenial erwirken -
das ist vielen buchkunstwerken charakteristisch zu eigen. die messen in
frankfurt, leipzig, ehedem auch mainz, auch einige wenige einschlägige
museen und bibliotheken schüren das klima des komplementären, das eben
auch außerhalb der produktion, nämlich im nebeneinander der präsentation
vorkommen und wahrnehmung der buchkunst zurichtet. es wird sich
erweisen, welchen part die jungen absolventInnen der buchgestaltung
lehrenden hochschulen beispielsweise in leipzig, burg giebichenstein,
dortmund, in dieses reizklima des kommunalen einzubringen bereit sind,
ob es ihnen ideal oder nostalgisch erscheint, sich dem buch oder den
buchkunst-zeitgeistigen einzuverlaiben. oder aber darf die buchkunst
darüberhinaus auch in zukunft auf "quereinsteiger" hoffen, die diese
oder jene im vorhinein geübte kreativität ins buch um- und übersetzen
und es gerade deshalb in unerwarteter weise beleben? ich denke an eine
schöne phrase des songschreibers mike batt: the book is open if you want
to place a bet - frei übersetzt: das buch bleibt offen, wollen wir
wetten...

buch: bleibe

"speichern unter" heißt ein heute gängiger befehl zur haushaltung von
weiterverwertbarer information; aber auch: konvertieren, und darin hat
buchkunst eine kompetenz entwickelt, die zeitlich lange vor den computer
zurückreicht und die im neuen format die herausforderung zur
aktualisierung der aussage sucht. buchkunst befruchtete sich im umbruch
der drucktechnologie und deren zugewinn einer gesteigerten
diversifikation von produktionsweisen und ihren erscheinungsbildern. mit
ihrem vorhalten-können eines weiten spektrums der darreichungsweisen
zwischen stiften, holzlettern, hypersatz und anderen sowie
verschiedensten aspekten der aneignung von positionen verschreibt sich
buchkunst der progression umso deutlicher, desto weltoffener und in sich
vernetzter sie geschichtsbilder kreiert und stellungnahmen zum
zeitgeschehen hervorbringt. dabei hat buchkunst gerade auch deshalb
zukunft, weil sie mit jedem neuen medium eine neue herausforderung zum
disput erfährt. wem denn, wenn nicht der buchkunst, wäre eine
anschauliche reflexion zur globalisierung von viren zuzutrauen, wer
hätte mehr fundus aufzubieten, um zugleich die
philosophisch-kulturgeschichtliche wie die bildfindende Ebene in die
tiefe gestaffelt aufscheinen zu lassen. buchkunst verfügt mit der idee
des codex über ein quellgut, dessen deltamündung noch unabsehbar ist. in
seinem zufluss schwimmt das eingangs zitierte barocke buchgeschichtsbild
mit. sein altes papier schlägt wellen, die vergänglichkeit meinen, die
aber schaumkronen tragen können: buchkunst.
Stefan Soltek, verso: recto, in:
Katalog 13 X Künstlerbücher (Herausgeber: Edition Despalles, Mainz), Frankfurt
a.M./Mainz 2000
Er entstand auf Initiative der Association Internationale de Bibliophilie, Paris.
Vorgestellt werden 13 tätige Protagonisten der Buchkunst in Deutschland
(www.livresdartistes.com)