für internationale Buch- und Schriftkunst

Am 7. November 1953 öffnete das Klingspor-Museum zum ersten Mal für seine Besucher die Türen. Die Stadt Offenbach am Main hatte in den armen Nachkriegsjahren ein kleines Museum zur modernen Buch- und Schriftkunst gegründet. Den Grundstock des Museums bildete die kostbare Privatsammlung von Dr. h.c. Karl Klingspor (1868 - 1950), der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Offenbach am Main mit seinem Bruder eine Schriftgießerei betrieb.
Bildseite aus dem Malerbuch
von Colette Peyric (1984)
Hier geht es zu einer mehrseitigen Chronik der Schriftgießerei Klingspor und einer Liste aller bei der Schriftgießerei Gebrüder Klingspor gegossener Schriften
Namhafte Künstler wie Otto Eckmann, Peter Behrens, Rudolf Koch, Walter Tiemann, Rudo Spemann, Imre Reiner, Hans Bohn und Karlgeorg Hoefer hatten für diese Firma die Schriften entworfen. Die künstlerisch hochrangigen Bleisatzschriften gingen von der Offenbacher Ludwigstraße, wo der Firmensitz war, in die Druckereien vieler Erdteile.

Die Schriftgießerei Gebrüder Klingspor in Offenbach am Main hatte Weltruf. Die private Büchersammlung von Dr. Karl Klingspor wurde im Jahre 1927 bei der internationalen Buchausstellung in Leipzig als "Zimmer eines Bibliophilen" gezeigt und viel bewundert. Seine hundert Ledereinbände des Buchbinders Ignatz Wiemeler sind bis heute ein unschätzbares Schmuckstück des Klingspor-Museums.

Titelentwurf von Rudo Spemann (1939)
Nur kurze Zeit nach der Museumsgründung kamen die ersten bedeutenden Schenkungen ins Haus.
Von Rudolf Koch (1876 - 1934) und Rudo Spemann (1905 - 1947) gaben ihre Familien die gesamten künstlerischen Nachlässe in das junge Museum nach Offenbach, das in kurzer Zeit zu einer zentralen Sammelstätte der modernen Schriftkunst heranwuchs. Die ausdrucksstarken Handschriften, Schriftteppiche und buchkünstlerischen Arbeiten von Rudolf Koch und seinen ehemaligen Studenten dokumentieren eine lebendige Offenbacher Schule der Schreibkunst im 20. Jahrhundert.
Schriftblatt von Rudolf Koch (1921)
Das Herz der Stuttgarter Schule war Ernst Schneidler (1882 - 1956), von dem das Klingspor-Museum einen Großteil seines Nachlasses besitzt. Auch seine Schüler, neben Rudo Spemann, Werner Bunz, Georg Trump, Eva Aschoff sind mit vielen Arbeiten vertreten. Aus Wien kam die einzigartige Sammlung Rudolf von Larisch. Von dem großen holländischen Drucker und Typographen Hendrik Nikolaas Werkman (1882 - 1945) besitzt das Klingspor-Museum die größte Sammlung außerhalb der Niederlande. Mit seiner experimentellen Zeitschrift "The next call" aus den Jahren 1923 - 1926 gehört Hendrik Nikolaas Werkman zu den einflußreichsten Avantgardisten der Typographie des 20. Jahrhunderts.
Henrik Nicolaas Werkman Seite
aus der
Zeitschrift »The next call« (1924)
Der Sammler Paul Ritter übergab seine in Europa einzigartige Frans-Masereel-Sammlung dem Kingspor-Museum, die das grafische Werk dieses flämischen Künstlers in einmaliger Vollständigkeit zeigt.
Einer der bedeutendsten Illustratoren der ehemaligen DDR war Werner Klemke in Ost-Berlin; sein gesamtes künstlerisches Lebenswerk mit allen Büchern, seinen originalen Zeichnungen bis hin zu seinem umfangreichen Briefwechsel übereignete er dem Museum.
Die Sammelgebiete des Museums umfassen:
Illustrierte Bücher,
Pressendrucke
Malerbücher,
Künstlerbücher,
Schriftmusterbücher,
Schriftproben,
Handschriften
und kalligrafische Blätter.
Malerbuch von Eißner (1995)
Die reichhaltige Fachliteratur zur Buchkunde, Geschichte des Buchdrucks und der Schrift, zur Typographie und Kalligraphie, zu den grafischen Techniken und zur Papierkunde stehen jedermann nach vorheriger Anmeldung in der Bibliothek zur Verfügung. Alle Bestände des Museums sind durch ein Katalogsystem erschlossen.
Ständig wechselnde Ausstellungen mit wertvollen Exponaten aus den eigenen Sammlungen sowie mit Leihgaben von Künstlern und Sammlern zeigen die Vielfalt der Buch- und Schriftkunst des 20. Jahrhunderts auf internationaler Ebene.


Interessierte Besucher aus aller Welt kommen nach Offenbach, um sich die Ausstellungen und umfangreichen Sammlungen der modernen Schrift- und Buchkunst anzusehen. In der Bibliothek des Museums stehen mehrere Besuchertische, an denen jeder Interessent mit den Sammlungen des Museums arbeiten kann.


Seit 1965 wird jährlich in den Wintermonaten Dezember bis Februar die internationale Bilderbuchausstellung "Bunte Kinderwelt" gezeigt. Die Eröffnungen jeweils am 1. Adventssonntag sind für Kinder und Erwachsene immer ein Fest für Augen und Gaumen: Die Verlage nehmen unaufgefordert diese Gelegenheit wahr, ihre Publikationen einem interessierten Leserkreis, Kindern wie Erwachsenen, zu präsentieren.
Illustration von Gerhard Oberländer
zu »Andersens Märchen« (1962)